Das Sächsische Wort des Jahres

Das Sächsische Wort des Jahres

Seit dem Jahr 2008 vergibt die Ilse-Bähnert-Stiftung das Sächsische Wort des Jahres. Sinn der Aktion: Aussterbende sächsische Wörter sollen gerettet werden, die Sprache der Sachsen wird gepflegt und gehegt, ihr Wohlklang in das Bewusstsein gebracht und die Mundart als wichtiger Teil der deutschen Sprache gefördert.

In Zusammenarbeit mit der germanistischen Fakultät der Technischen Universität Dresden kürt jährlich eine Jury, der die Stiftungsmitglieder Tom Pauls und Dr. Peter Ufer angehören, das schönste und das bedrohte Wort des Jahres. In die Jury werden Sprachexperten wie der TU-Germanistik-Professor Karlheinz Jakob und Sprachlobbyisten wie Uwe Steimle, Olaf Böhme, Bernd-Lutz Lange und Gunter Böhnke, die Sächsisch seit Jahren auf deutschen Bühnen unter die Massen bringen, eingeladen, um bei der Auswahl der Wörter mitzuhelfen. Denn immerhin steht jährlich eine Liste von 3.000 Wörter zur Wahl. Die Sachsen selbst wählen per Internet ihr Lieblingswort.

Eingereicht werden die sächsischen Wörtern von den Sachsen, die immer im Frühjahr dazu aufgerufen werden, ihre Favoriten an die Stiftung einzusenden. Dabei helfen wichtige Medienpartner wie die Sächsische Zeitung, die Freie Presse und MDR 1 Radio Sachsen. Die Sachsen sind profunde Wortspender. Listenweise schickten sie ihre Wortmeldungen, um das sächsische Wort des Jahres zu küren. Die Wortauswahl ist riesig, ganze Wortgeschichten kommen wortreich an.

Gekürt wird das Wort des Jahres immer am Tag der Deutschen Einheit, am 3. Oktober, bei der großen Sachsen-Wort-Gala im Dresden Schauspielhaus. Während der Veranstaltung der Ilse-Bähnert-Stiftung halten Experten auf die jeweiligen Siegerwörter eine Laudatio, Tom Pauls zeigt Ausschnitte seines aktuellen Programmes „Rettet uns den Gogelmosch“, das aus der Sachsenwort-Aktion entstand. Außerdem gibt es das von Dr. Peter Ufer geschriebene und zusammengestellte Buch „Der große Gogelmosch – das Wörterbuch der Sachsen“. Hier sind all jene sächsischen Vokabeln verzeichnet, eingeordnet und übersetzt, die die Sachsen an die Stiftung schicken.

Inzwischen existiert bei der Stiftung eine Wortsammlung von über 12.000 sächsischen Wörtern.


Die bisherigen Sächsischen Wörter des Jahres

Jahr Beliebtestes Wort Schönstes Wort Bedrohtestes Wort
2016 diggschn
schmollen; eingeschnappt sein
Bibbus
kleines, stiftähnliches Ding
Mäffdl
kleines, klappriges Auto
2015 Blaadsch
ungeschickter Menschen
Dämse
unerträgliche Hitze
Eiforbibbsch
ursächsischer Ausruf des Erstaunens
2014 Gelumbe
Unaufgeräumtes
Däschdlmäschdl
versteckte Liebelei
forblembern
verschwenden, vergeuden
2013 Hitsche
Fußbank
forhohnebibln
verspotten
schnorbslich
köstlich
2012 didschen
Lebensmittel in Flüssigkeit eintunken
plumbn
Wasser pumpen, heftiger Starkregen, schnell und viel trinken
Renfdl
Brotkanten
2011 katschn
laut kauen oder schmatzen
bomforzionös
großartig, aber etwas pompös
Haderlump
Taugenichts bzw. Landstreicher in abgerissener Kleidung
2010 Hornzsche
Rumpelkammer oder altes, verwahrlostes Haus
bäbbeln
Fußballspielen bzw. Kicken als Freizeitvertreib
dschidschoriengrien
kräftige, »giftige« Grüntöne
2009 färdsch
fertig
fischelant
clever, rührig, auf Zack
Asch
Aufwaschschüssel oder große Waschschüssel
2008 nu
als Lückenfüller oder Synonym für »ja«
muddln
vor sich hin arbeiten, sein Ding machen, etwas ziel- und lustlos bei der Sache sein
lawede
instabil, ausgeleiert, marode


Links und Empfehlungen

10 Jahre »Sächsisches Wort des Jahres«

2016

2015

2014

2013

2012

2011

2010

2009

2008

»Sächsisches Wort des Jahres 2016«

Beliebtestes Wort

diggschn

schmollen; eingeschnappt sein


Schönstes Wort

Bibbus

kleines, stiftähnliches Ding


Bedrohtes Wort

Mäffdl

kleines, klappriges Auto


Der Sachse liebt das Diggschn sehr
Eine Kolumne von Dr. Peter Ufer

Meine Nachbarin kam mit einem alten Moped an und fragte mich, ob ich mal nach ihrem Bibbus sehen würde, denn der Motor würde nicht anspringen. Ich musste sie ziemlich verdutzt angesehen haben, denn sie meinte: »Se müssn an dem bibslichn Ding nur bissl dranrum biebln.« »Das ist aber ganz schön klein«, sagte ich

»Off dä Größe kommds gar ni an. Und wahre Größe lässd sich sowieso ni messen, ni in Meder, Lichdjahre oder Einwohnerzahln.« Wie sie darauf komme, wollte ich wissen. Sachsen zum Beispiel sei heute klein im Vergleich zu früher, als Sachsen noch von Fürstenberg im Norden bis nach Koburg im Süden reichte. Vor über 200 Jahren habe das Königreich Sachsen zwei Drittel seines Territoriums verloren und schrumpfte nach dem Wiener Kongress 1815 zu dem Kleinstaat zusammen, den wir heute bewohnen. Ich stimmte ihr zu.

Wir erfanden ja lauter kleine Dinge, meinte ich: Kleinbahnen, Kleinwagen, Kleinbildkameras, den kleinen Feigling und das kleinste Mittelgebirge. Aber was ist denn nun ein Bibbus, wollte ich wissen?

Karikatur von Uwe Krumbiegel

Das Ding, erklärte sie mir, beschreibe selbst seine Größe, besser gesagt seine Kleine. Ich müsse noch kleiner denken, als ich denke. Sie schine mir ein Rätsel zu stellen, denn sie sagte: »Das Word verbinded enne knifflige Handlung mid dor Größenbeschreibung des zu behandelnden Gegenschdandes.« Ich begriff nicht. »Das Ding schdehd edwas ab? Es is schdifdähnlich, kann aber ooch rundlich sein.« Ich fragte: »Lässt es sich nur umbeschreiben, aber wenn einer es hört, weiß er Sie sofort, was es ist?« Sie sagte: »Genau, genau.«

Ich suchte an ihrem Moped den Bibbus, den sie meinte und bemerkte etwas Einzigartiges. Es existieren nämlich sächsische Wörter, die kann man riechen. Das duftet zwar nicht wie 47/11, dafür aber wie 1 zu 25. Doch Mief macht müde Männer munter. Denn hier fährt und fährt und fährt der Mann oder in diesem Fall die Frau ab, spürt das Gemisch im Blut, startet durch und kommt an.

Nicht immer am Ziel, aber bei den Fans des Esser. Hierbei handelt es sich nicht um einen Freund köstlicher sächsischer Speisen, sondern um einen SR 2. Das ist eben dieses wunderbare motorisierte Zweirad mit einem Zylinder, Zwei-Gang-Handschaltung, eleganten Rundungen, einem schwungvollen Ledersitz, dem eiförmigen Tank und dem Zwei-Takt-Ottomotor samt Vergaser, der manchmal hängt.

Aber diese Herausforderung nahm ich an. Mit dem Tupfer, gebaut in der speziellen Form eines Bibbus, drückte ich den Schwimmer nieder bis ein wenig Benzin rauslief und das war das Signal: Jetzt sprang er an – nicht der Mann oder die Frau, sondern der SR.

Diese Bastelarbeit des deutschen Fahrzeugbaus stellte von 1957 bis 1964 der VEB Büromaschinenwerke Sömmerda in Thüringen her. Eine Million SR liefen in Sömmerda neben Schreibmaschinen vom Band und wurden bis in die USA exportiert. Der SR2 verbrauchte nur 1,7 Liter pro 100 Kilometer. Mit Wind im Rücken und Sonne auf dem Auspuff fuhr er von Null auf 50 in vier Minuten. Er flog. Deshalb hießen seine Nachfolger später Spatz, Star, Habicht, Sperber und Schwalbe. Die wurde sogar verdoppelt zum Duo mit zwei Sitzen und drei Rädern.

Das Wort riecht aber nicht nur, es hat zugleich einen einzigartigen Klang. Man hört den Zweitakter: Mäf-Mäf, dl-dl-dl-dl, Mäf-dl. Und wenn man Gas gibt, dann hört man: MäfMäf – dldldldl – Mäfdl-Mäfdl-Mäfdl-Mäfdl-Mäfdl-Mäfdl-Mäfdl-Mäfdl-Mäfdllllll. Es handelte sich bei dem Moped meiner Nachbarin um ein echtes Mäfdl. Die Frage, die den Mann und die Frau, die hier auf dem nicht vorhanden Sozius keinen Platz findet, die Frage, die den Sachsen jetzt dabei umtreibt, ist nun, wie man das Wort schreibt.: MÄFDL oder MEFTEL?

Im Duden kommt das Wort gar nicht erst vor, offiziell existiert es gar nicht, also gibt es auch kein Hinweis auf seine Schreibweise. Das schöne am Sächsischen ist eben – das alles richtig ist. Es gilt das gesprochene Wort. Das gilt zum Glück in Sachsen noch etwas. Ein Mäfdl kann nämlich zum Beispiel auch ein Meppl sein. In beiden Fällen bezeichnet es ein kleines, etwas wackeliges Fahrzeug, einen fahrbaren Untersatz, einen kleinen Oldtimer.

»Sie müssn ni glei diggschn, dass se kee Mäfdl ham«, sagte meine Nachbarin. Vermutlich hatte ich etwas traurig ausgesehen. Dabei war ich es gar nicht. Der Sachse lässt sich nämlich nicht gern demütige, nicht kränken, nicht herabsetzen, verletzen, bloßstellen, degradieren, entwürdigen, nicht für dumm verkaufen. Er tut höchstens mal dumm.

Ja, jeder darf mal beleidigt oder eingeschnappt sein. Der Sachse diggschd dann. Das Wort diggschn kommt vom Dickkopf, der seine Meinung durchsetzen möchte. Warum auch nicht. Doch wer diggschd, der jammert nicht, sondern wehrt sich gegen die, die ihn verletzen, verstimmen, bedrängen, behelligen. Digschn ist eine Haltung, genauer eine Zurück-Haltung, um nachzudenken, wie man nicht alles mit sich machen lässt, sondern selber entscheidet, was das besten für einen ist.

Meine Nachbarin fragte mich unvermittelt: »Gloobn Se das Leben wird nachn Dod schöner?« Ich sagte: »Das kommt ganz darauf an, wer stirbt.« Sie gab Gas und mäfdelde davon.

»Sächsisches Wort des Jahres 2015«

Beliebtestes Wort

Blaadsch

ungeschickter Menschen


Schönstes Wort

Dämse

unerträgliche Hitze


Bedrohtes Wort

Eiforbibbsch

ursächsischer Ausruf des Erstaunens


Über ein Viertel aller an der Internetabstimmung beteiligten Sachsen entschied sich für »Blaadsch« – umgangssprachlich die Bezeichnung für einen ungeschickten Menschen. Die Jury kürte »Dämse« zum schönsten und »eiforbibbsch« zum bedrohten sächsischen Wort des Jahres. Dämse verwendet der Sachse gern, um wie im letzten Sommer die manchmal unerträgliche Hitze auszudrücken.

Für Eiforbibbsch entschied sich die vierköpfige Jury mit den beiden Kabarettisten Tom Pauls und Uwe Steinle, dem Autor Dr. Peter Ufer und dem MDR-Moderator Andreas Berger, weil dieser ursächsische Ausruf des Erstaunens heutzutage kaum noch im Alltag verwendet wird.

Über 8.000 Vorschläge erreichte die Jury beim 8. Jahrgang – so viele wie noch nie seit 2008. Die Wahl der sächsischen Wörter des Jahres ist eine gemeinsame Initiative der Ilse-Bähnert-Stiftung, der Sächsischen Zeitung und von MDR Sachsen.

Seit 2008 wird das »sächsische Wort des Jahres« gekürt. Diese Kategorie wurde von der »Ilse-Bähnert-Stiftung« ins Leben gerufen. Zielsetzung dieser Wahl ist laut Stiftung folgende: »Aussterbende sächsische Wörter sollen gerettet werden, die Sprache der Sachsen wird gepflegt und gehegt, ihr Wohlklang in das Bewusstsein gebracht und die Mundart als wichtiger Teil der deutschen Sprache gefördert.«


Eiforbibsch, ä Bladsch in dor Dämse –
Eine Kolumne von Dr. Peter Ufer

Sie schwitzte. Draußen hitzte es sich auf, drinnen half kein Windzug mehr. »Das is enne Dämse hier drinne«, sagte meine Nachbarin. Aber das Klima wandle sich ja nicht nur beim Wetter. »Es is überall heeß.« Ich musste nicht lange überlegen, wo denn das Wort Dämse herstammen könnte, denn die Wetterlage offenbarte es. Dampf schien überall aufzusteigen und daher kommt auch die Dämse.

Das Wort meint einen schwül-warmen, leicht stickigen Zustand, der die Landschaft und die Gemüter nach und nach zum Kochen bringt. Um nicht zu dämssch zu werden, braucht es ab und zu frische Luft. Meine Nachbarin meinte, dass sich dä Dämse überall verbreiten würde. Ich erzählte ihr davon, dass sie schon in London sei. »Ach, se meen dä Geschichde midn Saggsn, die da an dor Dauerbridsch schdandn, es warm war un die gesachd ham, is das enne Dämse hier. Un seid dem heesd der Fluss dorde Dämse.« Ja, die Geschichte meinte ich. »Kenn ich schon«, sagte sie.

Karikatur von Uwe Krumbiegel

Ich fragte sie, ob sie wusste, dass es sich bei East-Sussex, West-Sussex und Middlesex im Süden Englands um Ost-Sachsen, Westsachsen und Mittelsachsen handle. »Nee«, sagte sie. Ich gab ihr Nachhilfe: Das Königreich Sussex war seit 477 eines der Kleinkönigreiche der Angelsachsen, ein Sammelvolk aus Angeln und Sachsen. »Noch heute nutzen die Engländer das eine oder andere sächsische Wort. Es fängt schon mit word an.«

»Ja, ja«, sagte meine Nachbarin, »das habsch ooch schon gehörd. Dabei verwechseln die manches. Während der Sachse wo frachd, sachd dor Engländer where und während der Saggse Wer? frachd, sachd dor Engländer who oder hu oder so.«

Wir tauschten weitere Beispiele der sächsisch-englischen Wort-Verwandtschaft aus. Die Engländer blärrn gerne ma rum und dann heißt das blare. Deshalb nannten die den damals auch Tony Blare. Viel einfacher zu hören sei die sprachliche Verbindung bei Bludd, dem Blut das beiden gleichermaßen durch die Adern fließt.

Der Sachse sagt Gemütlichkeit oder Kletterschuh, der Engländer ebenfalls. Als weiteres Beispiel führte meine Nachbarin die Äpfel an, sächsisch Äbbl, englisch Äbbl. Ich meinte, Car komme von der sächsischen Karre, work von wörschn, warm von warm und Google von den sächsischen Guggln. Und wer heute auf seinem I-Pad Bilder mit dem Finger hin und herschiebt, der dadschd es an. »Eiforbibsch, das ham die alles von uns«, sagte meine Nachbarin.

Mit »eiforbibsch« ließ sie einen sächsischen Ausruf der Verwunderung, einen nicht sehr ernst gemeinten Fluch durch das Zimmer hallen. Viele kennen den Ausspruch, aber nur wenige sagen ihn noch, die Wortgruppe ist bedroht. Der Sachse wundert sich über vieles oder über gar nichts mehr. Eiforbibsch, das man auch mit »v« schreiben kann, kommt von »Gott verdammt!«.

Aber das klingt viel zu hart. Sachsen mögen es versöhnlicher, denn es gibt immer Chancen. Übrigens kann es auch sein, dass das Eiforbibsch vom Familienname Pippich abstammt. Die müssen es allerdings ziemlich wild getrieben haben. »Der Vador war beschdimmd ä ganz schöner Blaadsch.«

Damit redete sie von einem Sachsen besonderer Art. Er legt seine eigenen Schwächen bloß und offenbart damit seinen Hang zur Melancholie. Die ist ihm zum Glück geblieben. Er verfolgt geschickt die Strategie unterschätzt zu werden, um am Ende doch der Sieger zu sein. Er ist nicht, was er scheint, weder die ungeschickte Person noch der Tolpatsch, sondern er ist er selbst.

Meine Nachbarin fragte mich: »Erinnern Sie sich noch wies früher im Kreissaal zuging. Erinnern Sie sich noch, na Sie erinnern sich doch an nischd mehr. Ich sachs ihn: Der werdende Vader mussde draußen bleibn bis die Frau soweid war. Ni wie heide, wo die Weechgesichder mid dor schwangeren Gaddin im Dufdwasser ennes Gebärbools blanschn und das Baby zögerd abzudauchen, weil die combudergeschdeuerde Fruchdblasenwasseranalyse beim Dadenabgleich Differenzen zum idealdübischen EU-Schdandard offfweesd.«

Das hatte meine Nachbarin vermutlich mal in einer Zeitschrift beim Friseur gelesen. Ich fragte sie: »Kennen Sie denn einen Blaadsch?« Sie sagte: »Ja, mei Mann.« Sie beschrieb ihn als Tofu im Fleischwolf, der sich in Sicherheitszonen einlullen lasse und hoffe, dass er nach und nach systemrelevant werde, damit ihm sein 18-Prozent-Dispo erhalten bleibe.

Er denke daran, wie seine Mutter früher zu ihm gesagte habe: »Dir soll es mal besser gehen!« Und jetzt, wo er glaube, dass es ihm besser gehe, da sage seine Mutter: »So schön wie Du möchte ich es auch mal haben.« Meine Nachbarin redete sich in Rahsche. »Der reißd doch midn Hindern ein, was er sich midn Händen offgebaud had. Und das war schon ni viel.«

Sie zählte mir mehrere Kosenamen auf, wie sie ihren und andere Männer titulierte: Blödmann, Dussldier, Gnusberkopp, Hirni, Rozzdoffl, Dumpfbacke, Laggaffe, Binsl, Klapser oder Schnösel. In dem Augenblick kam ihr Gatte nach Hause und wollte etwas sagen, aber sie rief: »Halde den Mund, wenn de mid mir schbrichsd.«

»Sächsisches Wort des Jahres 2014«

Beliebtestes Wort

Gelumbe

Unaufgeräumtes


Schönstes Wort

Däschdlmäschdl

versteckte Liebelei


Bedrohtes Wort

forblembern

verschwenden, vergeuden


Trommelwirbel am Tag der Deutschen Einheit: Im ausverkauften Schauspielhaus in Dresden wurden die Sächsischen Wörter des Jahres gekürt. Gemeinsam mit MDR 1 Radio Sachsen, de SZ und der Freien Presse wählte die Ilse-Bähnert Stiftung aus 7.000 Wortvorschlägen die Sieger aus.

Der Jury gehörten Uwe Steimle, Tom Pauls, Autor Peter Ufer sowie MDR- Moderator Andreas Berger an. Dieser führte durch die Gala, auf der neben der Blechlawine das Michael- Fuchs-Trio sowie die Schauspielerinnen Beate Laas, Uta Simone und Kati Grasse spielten.

Zum schönsten Wort wurde das »Däschdlmäschdl« ernannt, als Ausdruck für eine mehr oder weniger heimliche Liebschaft. Als bedrohtestes sächsisches Wort geht in diesem Jahr der Begriff »forblembern« für trödeln oder Zeit vergeuden in die Annalen der zum siebenten Mal durchgeführten Aktion ein. Zum beliebtesten sächsischen Wort wurde das »Gelumbe« bestimmt.

Die Wahl trafen Fans der sächsischen Sprache per Internetabstimmung. Insgesamt 7.000 Vorschläge gingen dafür in diesem Jahr ein. Die 20, die am häufigsten genannt wurden, standen am Ende zur Wahl für das beliebteste Wort.


Das schönste Wort: Däschdlmäschdl

Das ist die vorsichtige Verabredung von zwei – oder gerne auch mehreren Personen – zu einer emotionalen Handlung im gegenseitigen Einvernehmen, kurz: versteckte Liebelei. Die Kurzform lautet Dädadä und wanderte in die ganze Welt. Die Franzosen sagen Tête-à-Tête, die Engländer Date, die Italiener teco meco, was übersetzt bedeutet: Ich mit dir, du mit mir. Und das ist schön.


Das beliebteste Wort: Gelumbe

Das Wort steht für Unaufgeräumtes, für mistsches Zeuch – egal, ob Dinge, Menschen oder Politiker. Das Wort ist so beliebt in Sachsen, weil es alles auf den Punkt bringt, wenn es gesagt werden muss. Denn nimmt man dem Volk die Sprache, nimmt man ihm das Rückgrat. Sprechen ist Denken.

Nur wo geschwiegen wird, wachsen Missfallen, Unrecht und Zorn. Und das ist Gelumbe.


Das bedrohte Wort: Forblämbern

Wer achtlos mit Ressourcen umgeht, Geld zum Fenster rausschmeißt oder die Zeit vergeudet, der forblämberd alles. Er ist in den Augen der Vernünftigen nicht ganz richtig in der Birne, umgangssprachlich ist er: blämbläm. Und deshalb heißt ein Verschwender Forblämborer und seine Tätigkeit forblämbern. Leider wird täglich Zeug verschwendet, aber das Wort sagt kaum noch einer.


Ä Dächdlmächdl ohne Gelumbe –
Eine Kolumne von Dr. Peter Ufer

Meine Nachbarin suchte meine Nähe. Immer wenn ich auf den Flur ging, kam sie an, wollte mir dringend etwas berichten, schenkte mir einen Blumentopf als Dank für irgendetwas oder brachte mir Milch mit. Sie begründete sogar ihre Näherkommen, denn alles Leben, meinte sie, beginne mit einem vorsichtigen Anbahnungsgespräch zum Zwecke einer zwischenmenschlichen Interaktion.

Sie sei allerdings in jeder Beziehung etwas geschädigt, erklärte sie, denn es ende doch in vielen Ehefällen zum Schluss mit der Frage einer Frau an ihren Mann: »Du, mir sin doch nuh schon so lange forheiraded und ich liebe Dich immernoch. Du mich auch? Da antwortet ihr Mann nach kurzem Zögern: Ja, Dich auch.«

Karikatur von Uwe Krumbiegel

Ich sagte, dass immer dem Anfang ein Zauber innewohne, der uns beschütze, aber dem Alter weiche. So sagt es jedenfalls Hermann Hesse. Und Männer sind ja bekanntlich besonders empfindsam. »Ich weeß«, sagte meine Nachbarin, »aber ich hädde ooch heude gern noch ma ä Dächdlmächdl.«

Dieses Wort beschreibe, erklärte ich, die mehr oder weniger heimliche Verabredung von zwei – oder gerne auch mehreren Personen – zu einer nicht näher definierbaren emotionalen Handlung im gegenseitigen Einvernehmen für einen sozialen Vorteil und bisweilen biologisch notwenigen Akt der Evolution.

»Was?«, fragte meine Nachbarin. Ich sagte, ein Dächdmächdl sei etwas einfacher übersetzt, ein Stelldichein, Flirt, Schäferstündchen, eine Tändelei, Liaison, Liebelei, Liebschaft und für unvorsichtige Zeitgenossen die Vorstufe zum Inflagranti.

Sprachforscher behaupten jedoch, Dächdmächdl sei gar kein sächsisches Wort, es wäre nur geliehen von den Österreichern, die Techtlmechtl sagen und es angeblich auch nur von den Italienern übernahmen, die es teco meco sprechen, was so viel heißen soll wie: Ich mit dir, du mit mir. Aber die Italiener haben es wohl auch nur von den Franzosen, die dazu Tät-tà-tät sagen, was vermutlich vom Sächsischen Dädadä abstammt, der Kurzform des Dächdlmächdls. Im Englischen heißt es kurz und bündig Date.

Damit steht fest, dass es sich bei dem Wort um ein sächsisches Phänomen handelt, das weltweit praktiziert wird. Menschen lieben sich beim erfolgreichem Dächdlmächdl global mit der Unschuld wilder Tiere. Vermutlich aber hat sich das Wort aus dem Rotwelschen entwickelt, dem speziellen Wortschatz des fahrenden Volkes, das natürlich schon im Mittelalter in Sachsen war und alles mitnahm, was nicht niet- und nagelfest war, was ja auf Wörter zutrifft.

Der Sachse führt übrigens das Wort ebenfalls auf den pubertären Fortschritt der eigenen Tochter zurück: Wenns Dächdl mäschdl. Eltern sind in solchen Fällen heutzutage zumeist überfordert, greifen zu modernen Wie-sage-ich-es-meiner-Tochter-Ratgebern oder erinnern sich an die DDR-Aufklärungsrubrik »Unter vier Augen« von Jutta Resch-Treuwerth. Nichts hilft. Wenn die Tochter möchte, dann hält sie nichts auf.

Meine Nachbarin übrigens befindet sich in der, um es höflich auszudrücken, Phase der internen pubertären Retrospektive. Ihr Mann kommentiert das meistens mit dem Satz: »Ich hab mei Klimagipfl daheeme, ich muss ni nach Kijodo fahrn.« Aber ihr Gatte ist im Fall des Dächdlmächdls ja gar nicht gefragt. Denn meine Nachbarin will sich weder mit ihm noch ihrem Zustand abfinden, sondern in voller Torschlusspanik unbedingt noch ein Abenteuer erleben. »Ich brauch noch ä ma ä eschdes Dächdlmächdl, ich kann doch mei Läbn ni eefach so forblämbern«, sagte sie.

Da sprach sie ein gewichtiges Wort aus: forblämbern. Das ist ein schwaches Verbum mit starken Folgen. Denn wer etwas verplempert, der verschwendet Ressourcen, schmeißt Geld aus dem Fenster raus, vergeudet Zeit, vertut sinnlos seine Kraft. Er ist in den Augen der Vernünftigen nicht ganz richtig in der Birne und somit umgangssprachlich blämbläm. Deshalb heißt ein Verschwender sächsisch Forblämborer und seine Tätigkeit eben forblämbern. Meine Nachbarin nickte und sagte: »Manchma is ja gudd, wenn mor was weg schmeißd. Es sammeld sich im Laufe des Lebens ja so viel Gelumbe an.«

Das Wort steht für Unaufgeräumtes, für ungeordnete, herumstehende oder -liegende Gegenstände, die als wertlos, überflüssig, alt und/oder störend empfunden werden. Das ist Gerümpel, Plunder, schlechte, minderwerte Ware, misdsches Zeuch. Die Vokabel wird gelegentlich im Zorn ebenso benutzt, um Menschen oder Politiker zu beschimpfen, wobei hier zwischen Mensch und Politiker nicht zwingend ein Unterschied beschrieben werden soll.

Das Wort ist so beliebt in Sachsen, weil es alles auf den Punkt bringt, wenn es gesagt werden muss. Denn nimmt man dem Volk die Sprache, nimmt man ihm das Rückgrat. Sprechen ist Denken. Nur wo geschwiegen wird, wachsen Missfallen, Unrecht und Hass. Und das ist Gelumbe.

»Viel schöner is ä Dächdlmächdl«, sagte meine Nachbarin schon wieder. Ich schlug ihr vor, sie sollte nicht auf dem Flur rumstehen, sondern einfach mal parshippen. »Baarschibbn - das mach ich mid mei Mann im Winder offn Fußweg, aber da sin mir uns noch nie näher gekomm.«

»Sächsisches Wort des Jahres 2013«

Beliebtestes Wort

Hitsche

Fußbank


Schönstes Wort

forhohnebibln

verspotten


Bedrohtes Wort

schnorbslich

köstlich


Video zum Event


Video von artgenossen.tv

Das Lieblingswort: »Hitsche«

Die Hitsche ist eine Fußbank für den täglichen Gebrauch im Haushalt. Mit der Hitsche kann sich der Sachse selbst erhöhen, um die Oberlichter von Fenstern zu reinigen, hoch gelegene Regalbretter zu erreichen oder von Schränken Koffer zu zerren. Für Kinder bietet die Fußbank beste Aufstiegsmöglichkeiten und die Chance, sich über das Waschbecken zu beugen oder endlich mal im Spiegel zu betrachten. Auch bei Fußballspielen im Stadion haben vorzugsweise kleinere Männer Hitschen dabei, um mit ihrer Hilfe über die Köpfe der Vordermänner schauen zu können.

Aber die Bank dient nicht nur dazu, sich darauf zu stellen, sie bietet zudem einen hervorragenden Sitzplatz. Immer in der ersten Reihe. Die Sächsin oder der Sachse hockt sich auf die Hitsche, um Beeren abzubäbeln, Schuhe zu putzen oder die Füße in eine Schüssel mit waren Wasser zu stecken. Gesprochen wird je nach Region Hitsche, Hitsch, Hitschl, Hutsche oder Hütsche. Das Wort kommt ursprünglich vom Hocken oder vom Rutschen. Denn die Fußbank wurde und wird ja ständig hin und her geschoben. Eine alte Hitsche kann aber auch ein klappriges Auto oder ein uralter Kinderwagen sein.

Und eine Käsehitsche ist ein aus schmalen Stahlrohren gebauter Schlitten mit Holzsitz. Mit dem kann man wunderbar rutschen.


Am schönsten: »forhohnebibln«

Forhohnebibeln lässt sich der Sachse nicht, das macht er schon alleene. Denn er lacht nicht über die anderen, er lacht über sich. Jeder Sachse lacht sich selbst am nächsten. Nur wenn andere über ihn lachen, wenn sie ihn veralbern, wenn sie ihn forgageiern wollen, dann wird er itzsch, also zornig. Forhohnebibeln oder auch verhohnepipeln oder verhohnipeln heißt jemanden verschmähen, verfluchen, verachten, verspotten, veralbern, veräppeln, verhöhnen.

Das Verb kommt vom Hohn und ist ein Witz, den der Sachse stets auf sich bezieht. So wird er schnell zum Lachopfer, weil er sich selbst opfert. Er macht sich lächerlich, um mit vorgetäuschter Schwäche durchzukommen. Sein Humor ist sein Überlebensmittel. Schlitzohrig, doppelbödig, defensiv und fatalistisch. Es geht um ironische Selbstschau. Schon immer. Der Sachse hat Witz und ist ein Witz und forhohnebiebln hilft ihm.


Bedroht: »schnorbslich«

Das Wort ist zu allererst zu hören. Zum Beispiel beim Mittagessen, wenn Möhren auf dem Teller liegen und der Sachse sie forschnabuliert, also isst. Das leise Abbeißen erzeugt einen Ton köstlichen Vertilgens, und die bissfeste Konsistenz des Gemüses befördert eine große Gaumenfreude. Wenn also ein leises krachendes, reibendes Geräusch zu hören ist, dann schnurpsen sich Möhren, Nüsse oder Äpfel einfach so weg.

Der Kaulärm deutet auf ein hohes Geschmackserlebnis hin. Schnorbslich kommt folglich von schnurpsen und heißt köstlich, aber bezieht sich nicht auf jede, sondern auf ausgewählte Mahlzeiten. Dabei gibt es in der Aussprache des Wortes regionale Unterschiede, denn in Leipzig beispielsweise spricht man, was man beim Essen ja eigentlich nicht tun sollte, schnärbslich. Aber es bedeutet dasselbe.
Die Aktion »Sächsisches Wort des Jahres«

Das sächsische Wort des Jahres wird seit 2008 verliehen. Initiatoren der Aktion sind die Schauspieler und Kabarettisten Uwe Steimle und Tom Pauls sowie der Dresdner Autor und Journalist Dr. Peter Ufer. Veranstaltet wird die Preisverleihung von der Ilse-Bähnert-Stiftung, Stiftung zum Erhalt und zur Förderung der sächsischen Kultur und Sprache, die Tom Pauls und Peter Ufer gemeinsam gründeten.

Medienpartner der Aktion sind die Sächsisch Zeitung, die Freie Presse sowie MDR 1 Radio Sachsen.

Dr. Peter Ufer


Forhohnebibeln könn mor uns alleene –
Eine Kolumne von Dr. Peter Ufer

Meine Nachbarin setzte sich kürzlich einen Hut auf, band sich eine Fliege um. Fertig. Jetzt erzählte sie mir einen Witz. 30 Stück wisse sie sofort und beim Erzählen fielen ihr immer neue Witze ein: »Ich geh zur Vorsorche, da frachd mich eener: Wie groß sind sie und wie schwer. Da sache ich: Das schdehd doch alles in meiner Krankenakde. Da sachd der Mann: Ich bin ni dor Arzd, ich bin dor Dischler.«

Ja, ich musste lachen, aber wunderte mich über ihren Aufzug. Sie jedoch schmunzelte und meinte, dass man es sich einfach mal leisten solle, lauthals zu feixen. Das wäre echter Luxus und vor allem gesund. Es löse sämtliche Verkrampfungen, lockere die angespannten Nerven, bringe Stimmung gegen Verstimmung. Es handle sich um eine homöopathische Scherztherapie, die viel mehr Erfolg verspreche als Antidepressiva.

Doch der Sachse lache nicht über die anderen, er lache vorzugsweise über sich. »Jeder Sachse lacht sich selbst am nächsten,« sagte sie. Und ergänzte: »Forhohnebibeln lässd der sich aber nicht, das machdr schon alleene. Wenn andere über ihn läsdern, wenn sie ihn veralbern oder forgageiern wollen, dann wird er idzsch, also zornig.«

Karikatur von Uwe Krumbiegel

Ich schaute noch einmal nach, was denn genau forhohnebibeln bedeutet. Volkssprachlich hieß es früher auch verhohnepipeln oder verhohnipeln heißt jemanden verschmähen, verfluchen, verachten, verspotten, veräppeln, verhöhnen. Das Verb kommt vom Hohn, dem Spott. Deshalb hieß der frühere DDR-Oberste wohl auch Ho(h)necker.

Spätestens jetzt stellt sich heraus, dass der Witz eine Technik des Unbewussten zur Einsparung von Konflikten und zum Lustgewinn ist, eine Art Flucht nach vorn, eine Grenzüberschreitung ohne Genehmigung. Und durch die Solidarisierung mit Gleichgesinnten wirke der Witz gegen Autoritäten und den Unsinn in einer Gesellschaft. Das galt damals und gilt heute.

Der Sachse bezieht den Witz allerdings zuerst auf sich. So wird er schnell zum Lachopfer, weil er sich selbst opfert. Er macht sich lächerlich, um mit vorgetäuschter Schwäche durchzukommen. Sein Humor ist sein Überlebensmittel. Schlitzohrig, doppelbödig und fatalistisch.

Meine Nachbarin meinte, dass man dieses Leben ja nicht mehr ernst nehmen könne. Schon wenn sie zum Bäcker ginge und höre, dass sie keinen »Mohrenkopf« mehr verlangen dürfe, da frage sie sich schon, wer sich hier lächerlich mache. Soll sie etwa nach einem Windbeutel mit Migrationshintergrund fragen. »Das ist doch ein Witz,« sagte sie. Kürzlich habe sie vor einer Mohren-Apotheke gestanden und die hätten einfach über dem o zwei Striche gesetzt und jetzt wäre es die Möhren-Apotheke. »Sehr komisch, da sin dä Medigamende wo schnorbslich,« frate sie.

Das Wort schnorbslich gefiel mir. Es ist ja zu allererst zu hören. Zum Beispiel beim Mittagessen, wenn rohe Möhren im Salat liegen und der Sachse sie forschnabulierd, also isst. Das leise Abbeißen erzeugt einen Ton köstlichen Vertilgens, die bissfeste Konsistenz des Gemüses erzeugt eine große Gaumenfreude. Wenn also ein leises krachendes, leicht reibendes Geräusch zu hören ist, dann schnurbsd einer Möhren, Nüsse oder Äpfel. Der Kaulärm deutet auf ein hohes Geschmackserlebnis hin.

Schnorbslich kommt von schnurpsen und heißt köstlich, aber bezieht sich nicht auf jede, sondern auf ausgewählte Mahlzeiten. Dabei gibt es in der Aussprache des Wortes regionale Unterschiede, denn in Leipzig beispielsweise spricht man, was man beim Essen nicht tun sollte, von schnärbslich.

Meine Nachbarin band jetzt ihre Fliege ab, setzte den Hut ab, hänge beides an die Garderobe und ging in ihre Küche. Se versuchte oben vom Schrank einen Korb mit Gemüse herunterzuholen, schaffte es aber nicht. »Ich wachse schon dem Boden zu, obwohl ich doch ma in Himmel komm will«, sagte sie. »Schiebn se mir ma dä Hidsche nieber.«

Ich gestand ihr, dass ich mich sehr freute, dass sie eine meiner liebsten sächsischen Vokabeln nutzen würde. Denn die Hidsche oder Hitsche klingt nicht nur schön, sondern sie ist praktisch und eine unvergessliche Kindheitserinnerung. Die Hitsche heißt im Rest der deutschsprachigen Welt Fußbank und wurde für den täglichen Gebrauch geschaffen. Mit der Hitsche kann sich der Sachse selbst erhöhen, um etwas zu erreichen, was sonst unerreichbar wäre.

Das vierbeinige Möbel bietet beste Aufstiegsmöglichkeiten und die Chance, Süßigkeiten wie Bongsel oder Moler von Regalen zu holen. Aber die Bank dient nicht nur dazu, sich darauf zu stellen, sie stellt zudem einen hervorragenden Sitzplatz dar. Und immer in der ersten Reihe. Gesprochen wird je nach Region Hitsche, Hitsch, Hitschl, Hutsche oder Hütsche.

Das Wort kommt ursprünglich vom Hocken oder vom Rutschen. Denn die Fußbank wurde und wird ja ständig hin und her geschoben. Eine alte Hitsche kann aber auch ein klappriges Auto oder ein uralter Kinderwagen sein. Und eine Käsehitsche ist ein Schlitten. Jetzt hatte meine Nachbarin den Korb, sprang von der Hitsche runter und wir schnibbeldn uns im Abendrot einen schönen Salat fürs Abendbrot.

»Sächsisches Wort des Jahres 2012«

Beliebtestes Wort

didschen

Lebensmittel in Flüssigkeit eintunken


Schönstes Wort

plumbn

Wasser pumpen, heftiger Starkregen, schnell und viel trinken


Bedrohtes Wort

Renfdl

Brotkanten


Jetzt ist es amtlich: Das beliebteste, das am bedrohtesten und das schönste sächsische Wort 2012 heißen »Didschn«, »Renfdl« und »Plumbn«. Das wurde am 3. Oktober zur traditionellen sächsischen Wort-Gala der Ilse-Bähnert-Stiftung im ausverkauften Schauspielhaus verkündet.

Über das Lieblingswort hatten bereits im Vorfeld über 20.000 Sachsen im Internet abgestimmt. »Plämpe« und »Hitsche« belegten dabei die Plätze 2 und 3. Die Worte »Plumbn« und »Renfdl« wurden indes von einer Jury gekürt, der Initiator und Autor Peter Ufer, Moderator Andreas Berger sowie die Schauspieler und Kabarettisten Uwe Steimle und Tom Pauls angehörten. Auf der fünften Veranstaltung dieser Art gewannen bisher so einzigartige Worte wie fischeland, bäbbeln, la wede, nu, Hornzsche, dschidscheriengrien, färdsch, katschn oder bomforzionös.

Die Veranstaltung – Am Tag der Deutschen Einheit kürten die Sachsen in Dresden ihre Wörter des Jahres.

Wortreich feierten die Sachsen am 3. Oktober 2012 ihre Sprache. Es ist die Gegenveranstaltung zu all jenen Umfragen, die Sächsisch jährlich als unbeliebteste Mundart degradieren. Im ausverkauften Dresdner Schauspielhaus fühlten sich das Publikum und die sächsischen Wörter des Jahres ausgezeichnet.

Schauspieler und Kabarettist Uwe Steimle hielt die Laudatio auf das bedrohte Wort. Es heißt: Renfdl, der Brotkanten. Das schönste Wort des Jahres ehrte Ilse Bähnert, alias Tom Pauls, es heißt plumbn, heftig regnen oder etwas pumpen.

Direkt von der Aufzeichnung des Deutschen Fernsehpreises in Köln kam Olaf Schubert zu der Sachsen-Gala, um die SMS-Verkürzung der Sprache zu geißeln. Ohne Internet geht gar nichts mehr, aber man braucht es nicht. Was man dann macht? Am besten, wir googeln das mal, schlug der Wortakrobat vor. Musikalisch in Stimmung brachte Sebastian Krumbiegel die Sachsen. Mit dem Prinzen-Musiker sang das versammelte Publikum.

Das sächsische Wort des Jahres wird von der Ilse-Bähnert-Stiftung, der Sächsischen Zeitung und MDR 1 Radio Sachsen bereits zum fünften Mal vergeben. Seit Anfang des Jahres hatten die Sachsen über 3.000 ihrer Wortfavoriten an die Jury geschickt. Am Abend fand ein Nachschlag für das Sachsen-Wort im Tom Pauls Theater statt. (Sächsische Zeitung)


Das bedrohte Wort: Renfdl

Ein Renfdl is das, was ni mehr dran is am Brot, wenn morr vom Bäcker nachheeme kommt. Meistens biss ich noch im Laden den Kanten ab. Nun hatte mein Vier-Pfünder einen Schandfleck, besser Schandbiss. Das konnte unmöglich so bleiben. Wie sah denn das aus? Zorrrubbd, einfach furschdbar.

Also biss ich noch einmal hinein, nun auf der anderen Seite. Jetzt stimmte zwar des Brotes Symmetrie, doch meine Mutter schrie: »Dschunge, du bekommst wo Daheeme ni genuch zu essen, musst du denn schon off dor Straße badschn.« Ich sagte: »Muddi, ich hadde Abbedied und wollt doch nur, dass du´s ni merkst.« Mutti: »Nu, es hat eben alles seine Ursachn.«

Dabei nahm sie das Küchenmesser, wetzte es an der Sandsteinstufe, hielt sich das Brot vor die Brust und schnitt es auf, in lauter kleine Renfdl. Das Wort kennen viele schon nicht mehr, aber ä Renfdl is bei uns immer da.

Uwe Steimle


Das schönste Wort: Plumbn

Das Wort, ist im Sinne des Begriffes »Schön« eher hässlich. Aber da es das hässlichste sächsische Wort zum Glück nicht gibt, ist es wieder schön. Schön ist ja alles, was man mit Liebe betrachtet. Das Wort spiegelt den Zeitgeist des Jahres wider.

Das fängt schon mit dem Wetter an. Wir hatten einen langen Winter, danach immer wieder Regen, es goss aus Kannen, hörte nie off, du warst klitschenass oder durch. Denn es regnete nicht, sondern es plumbte. Dann die große Hitze im Sommer, immer musste man was trinken, der Durst war groß, dass man alles in sich hinein goss. Man trank nicht, sondern man plumbte.

Plumbn kommt nicht von plump, sondern Pump oder Pumpe, also sächsisch Plumbe. Da kommt alles im Schwall, wie beim Euro, denn da plumbn die off Pump Geld irgendwohin. Ja ham die denn ihrn Forstand forplumbd?

Tom Pauls


Das beliebteste Wort: Didschn

Didschn ist nicht nur ä Duhword, sondern vor allem eine sächsische Weltanschauung. Es hilft, die harten Zeiten aufzuweichen. In Sachsen wird bei jeder sich passenden oder unpassenden Gelegenheit in jede sich bietende Flüssigkeit alles eingetaucht, versenkt, getunkt, eingeweechd, neingemehrt, nundorgedriggd, bis es labbrisch feucht und bissbabsch trieft, um es dann schlürfend zu vertilgen.

Der Sachse geht mit allem auf den Grund der Sache, um auch die härtesten Probleme zu ergründen. So gelang es ihm 1989, ein ganzes System aufzuweichen. Gedidschd werden kann alles, ideal sind Semmeln, Bäbe, Bemm und Stolln. Als besonders didschfreundlich erweist sich Kaffee. Didschn heißt aber auch, einen Stein über einen Fluss hüpfen lassen oder jemanden ducken. Manchmal ist Didsch-Zeit, denn auch ein Sachse kann nicht alles schlucken.

Dr. Peter Ufer


Im Regen kann man Renfdl gut dischn –
Eine Kolumne von Dr. Peter Ufer

Meine Nachbarin rief: »Komm se schnell, aber hurdisch, dä Weld gehd undor.« In solch einem Fall kann ich nicht abseits stehen, sondern muss helfen. »Was ist denn passiert«, wollte ich wissen. „Nu guggnse ma naus, es dreschd ja wie Schusderjung, es blumbd wie zur Sindflud.“ Ich sagte: »Die Sintflut kommt doch erst nach uns.« Sie sagte: »Sie irren sich, sie irren sich, sie is schon da, denn wir sind die Sindflud.«

Von einer göttlich veranlassten Flutkatastrophe fühlte ich mich weit entfernt, aber tatsächlich ging draußen ein gewaltiger Guss nieder. Meine Nachbarin erklärte mir, dass sich sich seit Langem mit meteorologischen Phänomen beschäftige und sie erforscht hätte, dass es verschiedene Stufen des Regnens geben würde. Und deshalb sei klar, dass das, was jetzt vom Himmel falle, nicht normal sei.

Karikatur von Uwe Krumbiegel

Normalerweise beginne es nämlich mit dröbbeln, also tröpfeln, es folge das Nieseln, etwas stärker sei das Bladdern. Eine weitere Steigerungsform nenne sich Drehschen oder Dräuschen. Dann falle ein heftiger Guss herab. Ich ergänzte ihre Schauervariationen: »Wenn ein Niederschlag dauerhaft die Landschaft einnässt, so wird gern davon gesprochen, dass es Bindfäden regnet. Und wenn es draußen eisig wird, dann gibt es einen Graupelschauer, wobei der Graupel im Englsichen graubel heißt.« »Ni zu gloobn«, sagte meine Nachbarin und fügte hinzu: »Wenns aus Eimern gießd, aus Kübeln schüdded, ä Gewidder dä Weld erschüdderd, dann blumpds. So wie jädzd.«

Das Wort ist wie das Wetter nicht besonders schön, sondern blitzgefährlich. »Überhaubd«, sagte meine Nachbarin, »überhaubd is das Wetter ja längst ni mehr wie früher, sondern immer kadasdrobhal.« Ich stimmte ihr zu. Denn es herrscht heutzutage entweder Winterchaos oder Sommermisere, Schneefiasko, Flutdesaster oder eine Trockentragödie, die Sachsen ertrinken oder große Hitze steigert den Durst der Pflanzen und der Menschen so sehr, dass sie alles in sich hinein gießen. Dann trinken sie nicht, sondern blumbd, sie schütten Getränke ins sich hinein, füllen sich die Därme, um der Dürre zu entgehen.

Blumbn kommt von Pumpe, sächsisch Plumbe, die Vorrichtung, mit der man Wasser an die Oberfläche saugen kann. Und wenn es einmal blumbd, dann heftig, es kommt im Schwall so wie bei einem gewaltigen Guss.

»Im Übrigen«, sagte meine Nachbarin, »könnse mid genuch Feuchtigkeed ooch Didschn.« Didschn gehört zu den beliebtesten Wörtern der Sachsen, es ist ein Duhwort, wie es im Duhden steht, aber zugleich ein aktives Verhalten. Es hilft, die harten Zeiten aufzuweichen, mit diesem Wort kann man sich auch noch im hohen Alter durchbeißen, es zerbröselt alles, was wir schlucken sollen. »Hamse denn ma ne rischdesche Definidion für das Word«, fragte mich meine Nachbarin.

»Ja, sagte ich. Dischn ist die Möglichkeit, einem zum Verzehr bestimmten harten Gegenstand mit Hilfe einer Flüssigkeit so aufzuweichen, dass der geringe Druck des Gaumens auf das zu dischende Teil genügt, um es vom ungedidschten Teil des zum Verzehr bestimmten harten Teils des zum Verzehr bestimmten Gegenstandes zu trennen. Dieser Vorgang kann so lange wiederholt werden, bis der zum Verzehr bestimmte harte Gegenstand aufgebraucht ist.«

In Sachsen wird bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit in jede sich bietende Flüssigkeit alles eingetaucht, forsenkt, getunkt, gestippt, eingeweecht, neingemehrt, nundorgerdrickd bis es labbrisch feucht und biss-babbsch trieft, um es dann schlürfend zu fordilgn. So gehen die Sachsen mit allem in medias res, auf den Grund der Sache, in die Tiefe, ins Tal der Ahnungen und ergründen auch die härtesten Probleme.

So gelang es dem Sachsen schon 1989 ein ganzes System aufzuweichen. Merke: Gedidschd werden kann alles. Im Grunde gibt es nichts, was nicht gedidschd wird. Ideale Didschobjekte sind Semmeln, Bäbe, Bemm, Sandtaler, Obladen, Pfefferkuchen, Kekse, Waffeln und natürlich Streuselkuchen.

Als besonders didschfreundlich erweist sich Kaffee, wobei dor fischelante Sachse vorzugsweise seine zweite Tasse Kaffee zum Dischn nimmt, denn sonst schwimmen ja bereits in der ersten Tasse, die er gerne austrinken möchte, die zu lange gedidschn Didsch-Überreste.

»Besonders gudd didschn lassn sich ja Renfdl«, sagte meine Nachbarin. »Obwohl ä Renfdl ja das is, was ni mehr dran is am Brot, wenn mor vom Bäcker nachheeme kommd.« Das geht mir genauso, meistens breche oder beiße ich noch im Laden den duftenden Kanten ab. Dann hat mein Vier-Pfünder einen Schandfleck, besser Schandbiss.

»Se zorrubbn das Brod im Laden?«, fragte meine Nachbarin. Meistens beiße ich gleich noch einmal hinein, nun auf der anderen Seite. Dann stimmt die Brot-Symmetrie wieder, aber zu Hause gab es so schön Ärger als ich noch Kind war. Dann rief meine Tante: »Dschunge, du bekommst wo Daheeme ni genuch zu essen, mussd du denn schon off dor Schdraße badschn.« Dabei nahm sie das Küchenmesser, wetzte es an der Sandsteinstufe, hielt sich das Brot vor die Brust und schnitt es auf, in lauter kleine Renfdl.

Meine Nachbarin sah aus dem Fenster. Draußen hatte es inzwischen aufgehört zu regnen. Manchmal reicht es schon, zu miteinander reden, um die Welt vor dem Untergang zu retten.

»Sächsisches Wort des Jahres 2011«

Beliebtestes Wort

katschn

laut kauen oder schmatzen


Schönstes Wort

bomforzionös

großartig, aber etwas pompös


Bedrohtes Wort

Haderlump

Taugenichts bzw. Landstreicher in abgerissener Kleidung


Nun stehen die Gewinner fest: Aus mehr als 3.000 Wörtern hat die Jury des Wettbewerbs »Das sächsische Wort des Jahres 2011« die Gewinner ausgewählt und am Montag, den 3. Oktober 2011 während einer Festveranstaltung im Dresdner Schauspielhaus vorgestellt.

Die Kabarettisten und Schauspieler Tom Pauls und Uwe Steimle, der MDR-Moderator Andreas Berger sowie Sprachexperte und Autor Peter Ufer wählten aus den Einsendungen von Lesern und Zuschauern das bedrohte und das schönste sächsische Wort des Jahres aus. Das beliebteste Wort kürten die Sachsen per Abstimmung im Internet.

Das beliebteste Wort des Jahres 2011…

…heißt katschn oder gadschn, was mit »laut kauen oder schmatzend kauen« übersetzt werden kann. Der Kiefer klappt auf und zu und es entstehen Geräusche. Katschen ist die mundartliche abgeschliffene Variante von katschen. 28,5 Prozent aller Teilnehmer stimmten für das Wort. Auf Platz 2 landete Ränft (Brotkanten) und auf Platz 3 Dorheeme (Zuhause). Über 20.000 Sachsen nahmen an der Abstimmung im Internet teil.

Das schönste Wort des Jahres 2011…

…heißt bomforzionös, was mit großartig übersetzt werden kann. Die Sachsen übernahmen das Wort von den Franzosen, die während der napoleonischen Kriege hier hausten. Zudem brachten die französischen Hugenotten, die sich einst in Sachsen ansiedelten ihre Wörter mit. Bomforzionös ist eine mundartliche Abwandlung von bonne force, wörtlich übersetzt gute Kraft, sinngemäß stark, hervorragend, also großartig.

Das bedrohte Wort des Jahres 2011…

…heißt Haderlump, was so viel bedeutet wie Landstreicher. Seinen sprachlichen Ursprung findet der Hader im Althochdeutschen Hadara, dem Lappen oder Altsächsisch Hadilin, dem Lumpen. Und jener, der einst selbst in Lumpen ging, das war der Haderlump, genau genommen der Lumpenlump, also doppelt gemoppelt runtergekommen, aber auf seine Art schlau. Der Haderlump ist zum einen ein Landstreicher, ein zerlumpter, unehrenhafter, gesinnungsloser Mensch, aber zugleich ein gewitzter Schlingel, ein Schelm.

Weitere Ehrung

Neben der Ehrung der Wörter wurde der Leipziger Publizist Wolfgang U. Schütte für seine Verdienste um die sächsische Mundartdichterin Lene Voigt geehrt. Schütte gelang es, in den vergangenen Jahren den größten Teil der Texte der Schriftstellerin wieder zu entdecken, er gab das Gesamtwerk der Dichterin neu heraus und erforschte ihr Leben. Schütte machte Lene Voigt, deren Texte von den Nazis verboten und in der DDR unerwünscht waren, in den 1980er Jahren wieder salonfähig. Lene Voigt wurde vor 120 Jahren als Helene Wagner in Leipzig geboren.

Als Überraschungsgast kam ebenfalls ein Leipziger. Das Fernseh- und Radio-Urgestein Manfred Uhlig brillierte mit der Erklärung sächsischer Städtenamen und einem sächsischen Schnellkurs für Auswärtsche, also all jene, die die Sachsen erst noch kennen lernen müssen.

Dr. Peter Ufer


Bericht bei Dresden-Eins TV


Der Haderlumb kadschd bomforzionös  –
Eine Kolumne von Dr. Peter Ufer

Zugegeben, es war schon ziemlich spät. Falsch! Es war früh am Morgen so gegen drei. Ich stolperte etwas desorientiert die Treppe nach oben, da sah ich meine Nachbarin mit einem Besen in der Hand neben meiner Wohnungstür stehen, und ich hörte sie sagen: »Na, Sie Haderlumb, kommse ooch schon heem.« Ich betrachtete ihren Besen und sagte: »Kehren Sie noch oder fliegen Sie schon.«

Da hatte ich den Hader. Sie rief: »Ich wär ihn midn Hader glei eene drüberziehn.« Das ging eindeutig zu weit. Aber es erklärte das Wort. Denn der Hader ist deutschlandweit der Ärger, der Streit, der Zwist. Nur in Sachsen bezeichnet die Vokabel zusätzlich ein Putzlappen, zu dem die Niedersachen Feudel, die Bayern Hubibeizler oder die Nordfriesen Wischmopp sagen. Wobei diese Begriffe der zeitgenössische Mensch längst aus seinem Computerhirn gelöscht hat. Denn der Scheuerlappen ist als Gebrauchsgegenstand in den meisten Haushalten ausgestorben. Heute säubert ein Twist-System-Set mit Leichtigkeit und Megaduftfunktion den Boden oder ein Robbie saugt sich übers Parkett. Da hat der Hader keine Chance mehr.

Karikatur von Uwe Krumbiegel

Das Wort findet seinen sprachlichen Ursprung im Althochdeutschen Hadara, dem Lappen oder altsächsisch Hadilin, dem Lumpen. Und jener, der einst selbst in Lumpen ging und sie sammelte, das war der Haderlump, genau genommen also der Lumpenlump. Wobei nicht jeder mit dem Nachnamen Hader, so wie der Schauspieler und Autor Josef Hader, ein Lump sein muss. Der Haderlump ist zwar ein Landstreicher, ein unehrenhafter, gesinnungsloser Mensch, aber zugleich ein gewitzter Schlingel, ein Schelm. Es war Martin Luther, der das Wort aus dem Ostmittelhochdeutschen aufnahm und in die Hochsprache einführte. Der Hader ist möglicherweise durch eine Lautverschiebung zum Hass geworden. Heute klingt der Gebrauch nur noch altertümlich, der Hader ist zum Archaismus geworden, der Hass dagegen grassiert weiter.

Meine Nachbarin fragte mich, ob denn mein Nachtausflug wenigstens schön gewesen sei. Ich schwieg, sie meinte, dass sie früher gerne zum Schwof gegangen wäre und das sei immer und jedes Mal »bomforzionös« gewesen. Großartig dieses Wort, es spricht sich sächsisch so schön und ist doch Französisch. Bomforzionös benutzt der Sachse im Moment höchster Verzückung. Es heißt: Großartig. Die Sachsen übernahmen das Wort von den Franzosen, die während der napoleonischen Kriege hier hausten. Zudem brachten die französischen Hugenotten, die sich einst hier ansiedelten, ihre Wörter mit.

Bomforzionös gehört dazu und ist eine mundartliche Abwandlung vom Französischen bonne force, wörtlich übersetzt gute Kraft, sinngemäß übersetzt stark, hervorragend, großartig, also so wie die Sachsen sind, es aber niemals auf dem Markt der Eitelkeiten ausleben würden. Der Sachse übernahm von den Franzosen übrigens rund 300 Vokabeln, bomforzionös ist das höchste Lob, das man hier aussprechen kann, wenn man es aussprechen kann. Findet der Sachse sonst etwas ganz nett, so sagt er: »Kannste machn.« Wird etwas zum Erlebnis, sagt er: »Das war ni schlecht.« Wenn er es außergewöhnlich findet, dann sagt er: »Das war ma was andres.« Aber das ist noch lang nicht bomforzionös.

Meine sah mit etwas mitleidig an, und wollte erneut wissen, wie es denn nun bei mir gewesen wäre. Ich verweigerte die Aussage, nahm aus meiner Tasche eine Kaugummi, packte ihn aus, steckte ihn in den Mund, begann zu kauen und genoß den frischen Atem. »Nee, nuh kadschdn se ooch noch rum«, beschwerte sich meine Nachbarin. Ich nickte, denn kadschn kann man Kadschor. Auf gut Deutsch: Kauen kann man Kaugummi. Nicht zu verwechseln mit dem Ratschor. Der ist ein Radiergummi, den man nur zur Not auch kadschd, wenn mor kee Kadschor had. Wenn die Zähne es zulassen.

Kadschn ist nicht nur ein Wort, sondern vor allem eine Bewegung des Unterkiefers im Wettbewerb mit dem Oberkiefer, um Speisen zwischen den Zähnen zu zermalmen. Übersetzt ins Hochdeutsche heißt es: Laut oder schmatzend essen. Der Kiefer klappt auf, klappt zu, dreht sich hin und her, die Kauleisten arbeiten hart und es entstehen mehr oder weniger schmackhafte Geräusche. Insbesondere Kinder müssen sich von ihren Eltern in solch einem Verfall von Tischsitten gefallen lassen, dass ihnen zugerufen wird: »Kadsch ni so!« Die Verwarnung gilt ebenso, wenn die Jüngsten auf Bleistiften, Füllfederhaltern oder an ihren Fingernägeln herumkadschn. Im hohen Alter kehrt übrigens die infantile Form der Essenszerkleinerung zurück, wird aber überwiegend als senile Marotte toleriert, ähnlich wie das Schlürfen.

Kadschn ist die mundartlich abgeschliffene Variante von kauen. Das Kauen stammt ursprünglich vom Mittelhochdeutschen kiuwen ab und ist noch heute bei Kühen zu hören, wenn sie wiederkäuen. Es ist auch gelegentlich bei Menschen zu vernehmen, wenn sie zum hundertsten Mal sagen, was keiner mehr hören kann. Dann wird eine Sache ewig durchgekadschd. So sieht sie am Ende auch aus. Da ich das Gefühl hatte, dass meine Nachbarin und ich mit unserem Gespräch genau bei diesem Stadium angelangt waren, verabschiedete ich mich und ging ins Bett.

»Sächsisches Wort des Jahres 2010«

Beliebtestes Wort

Hornzsche

Rumpelkammer oder altes, verwahrlostes Haus


Schönstes Wort

bäbbeln

Fußballspielen bzw. Kicken als Freizeitvertreib


Bedrohtes Wort

dschidschoriengrien

kräftige, »giftige« Grüntöne


Dschieddschoriengriene Hornzsche zum Bäbbeln  –
Eine Kolumne von Dr. Peter Ufer

Unten im Hof schien ein großes Spektakel stattzufinden. Kinder riefen laut und irgend etwas flog immer wieder gegen die Hauswand. Meine Nachbarin riss das Fenster auf und rief: »Ruhe - ihr habd wo ä Volldreffer, hier im Hof wird nie gebäbbeld.«

Da wusste ich, es dreht sich alles um Fußball. Aber ich wunderte mich schon, dass meine Nachbarin wie eine Schiedsrichterin auftrat und das Spiel abrupt stoppte. Denn sonst rennt sie doch zu jedem Heimspiel und sobald Welt- oder Europameisterschaften stattfinden, hisst sie eine Fahne wie früher zum 1. Mai, setzt sich einen schwarz-rot-goldenen Hut auf und zieht johlend durch die Straßen. Ich fragte sie einmal, wo sie denn ihn diesem Aufzug hinziehen würde. Sie meinte, ich solle doch mal mitkommen, denn es wäre eine Freude, beim »Rudlguckn« dabei zu sein.

»Wobei bitte«, fragte ich. Sie: »Beim Gruppenglodzn, Massengaffen, beim Meudekino, Wühlfernsehen, Dummlblicken, Sibbenschbähn, Hordenschdarrn, Volksäugn.« Ich übersetzte mir ihre Worte mit dem gemeinsamen Fußball gucken, egal ob auf einer riesigen Leinwand oder im Stadion – public viewing ist das alle verbindende Ereignis, eine erweiterte Fernsehcouch für die Gefühlsgemeinschaft.

Karikatur von Uwe Krumbiegel

Doch bevor Fußball ganz groß wird, fängt er klein an. Da wird gebäbbeld. Das kommt vom Wäscheplatz oder aus dem Hof und ist der Ursprung allen Profifußballs. Dieses Wort ist so sächsisch wie ä babbscher Ball, vermutlich kommt es auch daher. Denn wer mit Freunden eine ruhige Kugel schiebt, der vertreibt sich lässig die Zeit, hat Spaß und jeder gewinnt. Für Amateure ist bäbbeln ein entspannter Zeitvertreib, keiner nimmt Anstoß, sondern der Nachwuchs kann unbeschwert gefördert werden. Gebäbbeld wird mit allem, was zu finden ist: Steinen, Flaschen, Büchsen, Bällen.

Plötzlich gab es einen lauten Knall. Der Ball der Hofkinder flog durch ein Fenster in der unteren Etage. Ich rannte runter, da öffnete die Mieterin schon die Wohnung, auch meine Nachbarin war zur Stelle, die rannte durch den Flur in das getroffene Zimmer und rief: »Oooor – wie das hier aussiehd in der Hornzsche.« Ich vernahm die Fülle des Wohllauts: Hornzsche! Der Klang klingt beim Sprechen, aber beim Schreiben wird es schwierig, denn die erste Regel der sächsischen Schreibschrift heißt bekanntlich es gibt keine Regel. Das macht den Sachsen so frei und erfinderisch. Alles ist erlaubt. Geschrieben wird das gesprochene Wort.

Hornzsche kann man auf mindestens vier verschiedene Arten schreiben. Gesprochen aber wird es vor allem im Leipziger Raum. Dort gab es viele ziemlich miese Behausungen, baufällig Häuser, alte, verwahrlosten Zimmer. Die Hornzsche stammt ursprünglich aus dem Slawischen, im Sorbischen heißt sie Hornca und meint das Zimmer oder die Stube.

Mitten in dem Zimmer, in dem wir jetzt standen lag der Fußball. Die Scheibe des Fensters war noch ganz, denn es war zum Glück offen und der Ball konnte ungehindert hineinfliegen. Was ich jedoch an den Wänden sah, verschlug mir die Sprache. Meiner Nachbarin allerdigns nicht. Sie sagte: »Hier had aber eener düschdsch gemalerd. Das schdichd ins Ooche, so dschiddschoriengrien wie das is.«

Dschiddschoriengrien ist ein sächsisches Wort, um das wir sich die Sachsen besonders kümmern, denn es hat einen Migrationshinter-grund. Es ist ein Wort, das nicht getürkt ist, ein Wort, welches mitten in die neue politische Schwarz-Weiß-Malerei sächsische Farbe bringt.

Dschiddschoriengrien ist ein Leuchtendes gelbgrün. Dieses Grün findet sich in den Tiefen der sibirischen Steppentundra. In einem Aquarell mag es als Kontrapunkt Akzente setzen. Dort ist die Farbe meist fließend, im Alter dann trocken und rissig. Als Fläche an der Zimmerwans zerstört es aber Augenlicht und zieht nichts an außer Fliegen. Dschiddschoriengrien hat nur einen Vorteil, es klingt unaussprechlich gut sächsisch. Die Schreibweise ist abenteuerlich. Die Herkunft des Wortes gibt zudem Sprachwissenschaftlern seit Jahren ein Rätsel auf. Verschiedene Erklärungsversuche kursieren durch Sachsen.

  1. Erklärung: Dschiddschoriengrien klingt wie aus der Natur entlehnt. Man glaubt, einen zwitschernden, grünen Vogel zu hören, der es bunt treibt. Titschori, titschori. Flattert nicht irgendwo ein Zitscherin durch die Lüfte?
  2. Erklärung: Wenn einer zu viel gezwitschert hat, der Alkoholkonsum also deutlich über dem erträglichen Maß lag, dann sieht er total gägsch aus und nimmt eine grünliche Farbe an, die auf die Entleeren des Mageninhalts hindeutet. Er trägt dann Dschiddschoriengrien im Gesicht und seine Umgebung unter ihm auch.
  3. Erklärung: Dschiddschorien stammt von einem russischen Namen ab. Lenins Außenminister Georgi Tschitscherin könnte der Namenspatron sein. Denn er trug so hässliche quitschgrüne Schlipse, dass von ihm am Ende nur tschitscheriengrien übrig blieb. Vielleicht hat die Farbe ja auch mit den grünen Uniformen der Armeen zu tun, die die friedliebenden Sachsen schon immer hassten. Vielleicht aber kommt es auch aus dem Italienischen.

Den Kindern im Hof war das völlig egal. Ich warf ihnen ihren Ball zu, sie bäbbeldn weiter – sie spielten übrigens Italien gegen Russland.

»Sächsisches Wort des Jahres 2009«

Beliebtestes Wort

färdsch

fertig


Schönstes Wort

fischelant

clever, rührig, auf Zack


Bedrohtes Wort

Asch

Aufwaschschüssel oder große Waschschüssel


Es lebe die Abwaschschüssel –
Eine Kolumne von Dr. Peter Ufer

Im Keller meiner Nachbarin fand ich einen Schatz. Etwas zerdellt, rund, ein wenig eingestaubt, aber noch brauchbar – einen Asch. Und in diesem Augenblick musste ich daran denke, wie ich einmal als Junge von meinen Eltern ins Haus nebenan geschickt wurde, um solch ein Gefäß zu holen, weil wir dringend noch eines brauchten. Ich fragte den neuen Bewohner, der aus Berlin kam: »Haben Sie einen Asch?« Er jagte mich fort und beschwerte sich bei meinen Eltern, ihr Sohn sollte andere nicht mir seinen Schweinereien belästigen.

Diesmal sollte ich den Asch aus dem Keller holen, weil meine Nachbarin ihn ins Stadtmuseum geben wollte. Ja, der Asch ist museumsreif und das Wort kennt kaum einer mehr. Ich sagte zu meiner Nachbarin, sie müsste noch den anderen suchen, denn ein Asch kommt selten allein. Klappte man einst die Klappe vom Aufwaschtisch auf und zog aus ihm heraus, was man jetzt nötig hatte, fand man auch etwas heraus: Es waren zwei Äsche, einer links, einer rechts. In denen wurde abgewaschen, Gemüse geputzt, die Kinder gebadet, ein Fußbad genossen und der Kuchenteig geknetet. Der Asch war schon ein Allrounder als die Sachen das englische Wort noch gar nicht kannten.

Karikatur von Uwe Krumbiegel

Meine Nachbarin erklärte mir, dass ganz früher der Asch eine irdene Schüssel für Milch gewesen sein soll. Und er würde deshalb so heißen, weil vor den irdenen Schüsseln das Gefäß aus Eschenholz gedrechselt war. Ich sagte ihr, dass ich gehört hätte, dass sich der Naschmarkt in Leipzig Naschmarkt nennt, nicht weil dort genascht wird, sondern weil die Leute wieder mal geschludert und sich’s zurechtgemacht haben. Der Naschmarkt war einst ein Aschmarkt, weil es dort Äsche gab. Es war ein Topfmarkt!

»Nu klar,« sagte meine Nachbarin. »Ob rund oder oval oder ellibdisch, mid Henkeln oder ohne, ob aus Holz, Don oder Medall: Da kannsde was neindun in den Asch, kannsd ihn dragn, kannsd ihn absedzn, kannst ooch ma mehrere inänandersedzn. Er hilfd in alln Lebenslagn. Im Grunde is es ä fischelandes Kelchn.«

Da sagte sie ein wahres und beliebtes Wort. »Wissn Se, was fischeland is,« fragte sie mich. Zum Glück wusste ich es. Die Vokabel findet sich allerdings in keinem deutschen Wörterbuch, denn es ist eine Haltung, ein sächsisches Lebensprinzip. Fischeland zu sein heißt, schlau seine Chance entdecken und nutzen, wach sein und wachsam, eifrig, aber nicht eifernd, drängend, aber nicht aufdringlich, bescheiden, ohne sich wirklich zu bescheiden.

Fischeland ist sächsisch, klingt französisch, ist es ursprünglich auch und heißt bei unseren Nachbarn vigilant, wachsam. Der Lateiner kennt die Vokabel als vigilans. In diesem einen Wort steckt der Erfindungsreichtum eines ganzen Volkes. Hier erfand man keine Panzer, sondern Feinstrumpfhosen. Hier erfand man keine Flugzeugträger, sondern Mundwasser. Ganz Deutschland putzt sich heute die Zähne mit Pasten sächsischen Ursprungs wie Chlorodont, Blendax oder Odol. Hier erfand man keine Kanonenkugeln, sondern den Büstenhalter, die Filtertüte, den Aktendulli, die Trommelwaschmaschine und die Kleinbildkamera.

Heute verdienen Japaner damit ihr Geld. Doch wer hat’s erfunden? Der geschickte, gewandte, aufmerksame, aufgeweckte, kluge, fischelande Sachse. »Sin Se färdsch mid ihre Nachhilfe«, fragte mich meine Nachbarin. »Ich bin färdsch«, sagte ich. »Mor siehds«, sagte sie. »Aber wenn se das Word nuh ma ä Hamburscher erklärn müssdn, wie würdnsn das erklärn?« »Muss man das noch erklären«, fragte ich. »Mor muss den Auswärdsch alles erklärn, die wissn doch von uns nischd, es erklärd ihn ja keener nischd.«

Färdsch is färdsch, aber vor allem sächsisch. Denn woanders sind die Leute fertig. Färdsch ist die mundartliche Ableitung von fertig. »Das kann kee andrer sachn, der brischd sich dabei dä Gusche«, sagte meine Nachbarin. »Färdsch läuft lässsch und weech dä Libbn naus.« Ich ergänzte noch, dass es ursprünglich vom Mittelhochdeutschen vertec kommt und so viel heißt wie „zur Fahrt bereit“. Daraus entwickelte sich die allgemeine Bedeutung bereit sein.

Das erinnerte mich an den Gruß der Jungpioniere: Seid bereit, immer bereit. »Sin se nuh endlich färdsch«, fragte meine Nachbarin. Nein, meinte ich, denn das Wort ist ausgesprochen vielfältig. Wenn der Sachse färdsch ist, dann ist er mit der Arbeit am Ende oder einfach mal nicht mehr zu gebrauchen, hockt in der Ecke und will von nicht was wissen. So wie ich manchmal, um nur einige zu nennen. Gleichzeitig kann der Sachse andere färdschmachen, auch wenn ihm das wider seiner Natur läuft und er es meistens nicht färdschbringd. Meistens jedenfalls.

»Und zum guten Schluss, kommt das Ende«, sagte ich. »Ich weeß, ich weeß«, sagte meine Nachbarin. »Färdsch is dor Höhebunkd des säggschn Liebeslebens. Das machd mich färdsch.« »Ist dem noch etwas hinzuzufügen?«, fragte ich. »Nee«, sagte meine Nachbarin. »Mir sin endlich fichs und färdsch. Guddmachn.«

»Sächsisches Wort des Jahres 2008«

Beliebtestes Wort

nu

als Lückenfüller oder Synonym für »ja«


Schönstes Wort

muddln

vor sich hin arbeiten, sein Ding machen, etwas ziel- und lustlos bei der Sache sein


Bedrohtes Wort

lawede

instabil, ausgeleiert, marode


Sächsisches Wörter des Jahres –
Eine Kolumne von Dr. Peter Ufer

Als ich kürzlich meine Nachbarin und ihren Mann in ihrem Kleingarten besuchte, wusch sie ab, kochte, kehrte, sortierte Zwiebeln und schälte von irgendeinem Gemüse die Schale ab. Ihr Mann dagegen hockte vor einem Stuhl, betrachtete das Möbel, wackelte daran, legte wieder Hand an, staunte, schraubte, wackelte erneut, noch mal und noch mal, dann holte er Leim, später Farbe, aber malte nicht, sondern betrachtete das gute Stück wieder und wieder, als würde es sich um eine archäologische Entdeckung handeln.

Ich fragte meine Nachbarin, was er da eigentlich treiben würde und sie sagte: »Der muddeld vor sich hin.« Der Satz gehörte zu einer meiner schönsten linguistischen Erfahrungen und ich begriff, dass Muddln in Theorie und Praxis typisch sächsisch sein muss. Denn wer muddeld, der weiß genau, was er tut, auch wenn er nur so tut, als ob er etwas tut. In diesem Fall der verlangsamten Bewegung verrichtet ihr Mann eine Arbeit, aber weder zielstrebig noch mit einem spürbaren Verbrauch an Energie. Er machte ganz aktiv nichts.

Meine Nachbarin rief ihm ab und an zu, er möge doch endlich mal fertig werden und ich begriff: Wer muddeld kann jene, die meinen, niemals zu trödeln, zum Wahnsinn treiben. Denn an sich ist gegen das scheinbare Beschäftigtsein nichts einzuwenden, aber es kann zum einen stundenlang andauern und zum anderen führt es nur in den seltensten Fällen zu einem Ergebnis. Diese vorgetäuschte Emsigkeit wirkt wie Meditation und ihr Mann sagte gern den gut gemeinten Satz: Mir wärn schon machn, dass nischd wird.

Karikatur von Uwe Krumbiegel

Er erklärte mir, dass seine Frau nicht begreifen würde, dass es notwenig sei, sich gleichsam von der Zeit abzukoppeln, auszusteigen aus dem Weltengetriebe, um es zu verstehen. Er sei dann nicht weg, aber auch nicht hier. Er wäre einfach bei sich. Scheinbar steht das im Widerspruch zum Fleiß und dem Erfindungsreichtum der Sachsen, aber wer das denkt, der kennt ihn nicht. Denn muddeln ist die Fähigkeit, unangenehme Zeiträume mit erfindungsreicher Anpassungsgabe unbeschadet zu überstehen. Und dies sowohl in der Familie, als auch bei gesellschaftlichem Unwohlsein. Muddln ist, bewusst eingesetzt, passiver Widerstand, um groben Unfug zu vermeiden.

Doch der Stuhl wackelte weiter vor sich hin. Ich fragte den Muddler, was denn mit dem Möbel los sei. Er antwortete: Das is lawede. Ich begriff nicht, was er meinte, denn bei dem Wort lawede handelt es sich um eine veraltete, vornehme Bezeichnung für matt, müde, kränklich, kaputt. Der Mann erklärte mir, dass dem Stuhl oder auch einem Menschen irgendwie komisch zumute wäre, er fühle sich verloren, aber es sei noch nicht alles verloren. So wie bei der Welt um uns herum. Das Ding is lawede wie ein wackelige Stuhl. Irgendwie kippelt es. Die Vokabel kommt ursprünglich von den Franzosen, die das Spiel La bete (Das Tier) spielten. Und wer keinen Stich sah, der hatte verloren.

Das Wort sagt allerdings kaum noch einer, es ist genauso bedroht wie es klingt. Lawede hat sich im Lauf seines mündlichen Gebrauchs abgeschubberd wie ein oller Gartenstuhl. Als das Wort neu war, hieß es leiwände, was wiederum eine Form von laiwendisch oder leibelösig war. Hätte sich die Vokabel bis heute in seiner mittelalterlichen Schriftsprache erhalten, müssten wir jetzt leibwendig sagen, was so viel bedeutet wie mit schwachem Leib oder vom Leib abgewandt oder eben leblos. Bei dem kaputten Stuhl wäre es dann alternativ leimlos. Die Steigerung zu lawede ist übrigens malad, also krank, was ebenfalls aus dem Französischen kommt und auf eine ernsthafte Erkrankung hinweist. August der Starke litt beispielsweise am Porzellanfieber, der Maladie de porcelain. Ergebnis war das Meissener. Das ist aber nicht lawede.

»Bekommen Sie denn den Stuhl wieder ganz«, wollte ich von dem Mann meiner Nachbarin wissen. Er sagte nicht viel dazu, sondern nur: »Nu!« Immer wieder hörte ich das kleine Wörtchen nu in der Kleingartensparte, denn es steht symbolisch für die Dresden-Sachsen wie für die Thüringer das »Ge« und die Schweizer das »Oder«. Der Dresdner gebraucht das Nu zuerst, um sein Einverständnis zu erklären und viele, die ihn nicht kennen meinen, er meine Nein. Aber sein Nu, erst recht wenn er nickt, kann als Ja gedeutet werden.

Nu beruht auf den sprachlichen Ursprüngen des Landes, nämlich dem Slawischen. Noch heute sagen unsere Nachbarn in Tschechien ano für ja, sie verkürzen aber meist auf no. Beim Dresdner heißt: Nu. Im Übrigen ist das nur im sächsischen Elbtal so. An der Pleiße in Leipzig sagt das kein Mensch und im Vogtland schon gar nicht. Nu wird aber nicht nur als ja benutzt, sondern zugleich als nun und jetzt. Nuh gugge ma da – jetzt sieh dir das an! Und wenn mal gar kein Gespräch zustande kommt, langt ein einfaches Nu, Nu – und jeder Sachse weiß, was gemeint ist.

Ein Nu passt zu jeder Lebenslage, sogar beim Sterben kann man es getrost sagen: Issor dod? Nu! Nuh kommd dor indn säggschn Himmel. Dieses Wort trugen die Sachsen übrigens in alle Welt. Denn die Engländer sagen zu jetzt now und die Schweden wie die Sachsen: Nu. So sind die Dresdner, den ja gelegentlich vorgeworfen wird, sie seien provinziell, imnuh ganz international.

Ich fragte den Nachbarinnenmann, ob sein Nu heißt, dass der Stuhl bald wieder ganz wäre. Und er sagte: »Nu, nu. Aber Sie müssn wissn, dass der Sachse nicht immer sagt, was er meint, aber immer meint, was er sagt.«

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